Geschichte der Leichten Sprache

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Jonathan Dancker hat eine Bachelor·arbeit gemacht.
Er hat viel zum Thema Leichte Sprache geforscht.
Im Hurraki Tage·buch gibt es 2 Kapitel aus seiner Arbeit.
Das Kapitel „Bedeutung der Sprache für Integration“.
Und das Kapitel: „Geschichte der Leichten Sprache“.

Es folgt ein Beitrag von Jonathan Dancker:

2 Bedeutung der Sprache für Integration
2.1 Inklusion

Das Wort Inklusion leitet sich vom lateinischen Wort inclusio ab, was im Deutschen als „Einschluss“, „Einbeziehung“ oder auch Zugehörigkeit“ übersetzt werden kann. In der Soziologie steht der Begriff stets komplementär zur Exklusion (lat. exclusio), was so viel die „Ausschließung“ oder „Ausgrenzung“ bedeutet (o.A. / o.J. Integration – Inklusion: Eine Gegenüberstellung). Im Gesellschaftspolitischen Umfeld taucht der Begriff häufig in der Ungleichheitsforschung auf. Besonders bei der Debatte über eine Anpassung des Schulwesens zu Gunsten von Lern- und Körperbehinderten, Kindern mit Verhaltensproblemen oder denen, die durch sprachliche Hürden von einer vollständigen Teilhabe am Unterricht exkludiert werden, beschreibt der Begriff die Idee einer barrierefreien pädagogischen Einrichtung, in der jedes Individuum einer heterogenen Schülerschaft das Recht und die Möglichkeit hat, sein höchstes Bildungsziel zu erreichen. Der inklusive Ansatz geht davon aus, „dass Vielfalt eine Bereicherung ist, und dass jeder Mensch, egal ob behindert oder nicht, seine individuellen Stärken und Schwächen hat“ (Wikipedia,2014: Konfuzius) Er beschreibt ein umfassendes System für alle, ein heterogenes, aber nicht unterteilbares System, das durch projektorientierten Unterricht, offene Lernphasen und Planarbeit gelingen kann. Ein System, für das Integration nicht nötig ist, da es für jeden Menschen zugänglich ist. Es beschränkt sich nicht nur auf das Schulwesen, sondern gilt auch für das Gesundheitswesen, unabhängig von Einkommen, Herkunft, Religionszugehörigkeit oder Geschlecht. Inklusion ist ein Menschenrecht, das in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist – diese Vereinbarung wurde von Deutschland im Jahr 2009 unterzeichnet und ist am 26.03 desselben Jahres in Kraft getreten.

Inklusion bedeutet den Einschluss aller in ein System für alle. Um solche Verhältnisse zu schaffen, müssen alle Aspekte, die Einzelne von der Teilhabe und Mitwirkung in einem solchen System ausschließen, überwunden werden. Inklusion ist der nächste logisch folgende Schritt auf die Bemühungen der Integration, denn er offeriert die Rahmenbedingungen für die erfolgreiche Aufnahme jedes Individuums, ohne dass die Gefahr einer internen Ausgrenzung besteht.

2.2 Integration

In der Soziologie beschreibt der Begriff Integration, abgeleitet vom lateinischen integratio (Wiederherstellung eines Ganzen), einen dynamischen, lang andauernden und sehr differenzierten Prozess, bei dem Menschen, die aus verschiedenen Gründen aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen waren, in diese integriert werden (Wikipedia, 2014: Integration). In Bezug auf pädagogische Institutionen wurde der Begriff besonders häufig genutzt, um die Eingliederung von Schülern mit Migrationshintergrund und Schülern mit Lernbehinderungen in ein bestehendes Schulsystem zu beschreiben.In den meisten Fällen sind diese Systeme jedoch auf eine homogene Gruppe von Lernenden abgestimmt, die als die „Schwachen“, die „Begabten“ oder als „Durchschnitt“ beschrieben werden. Lernbehinderte Schüler oder solche, die auf Grund von Sprachbarrieren nicht mithalten können, werden aussortiert und an andere Institutionen weitergegeben. Das bedeutet, dass eine bestimmte Schülergruppe zwar in das System integriert wird, dieses für eine heterogene Schülerschaft jedoch nur selten funktioniert. Prof. Dr. Martin Kronauer beschreibt einen solchen Fall auf dem 10. Forum Weiterbildung des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung in Bonn am 8. Oktober 2007 als „Interne Ausgrenzung“. Kronauer versteht den Begriff „Interne Ausgrenzung = Exklusion“ nicht unbedingt als Ausschluss aus der Gesellschaft, sondern vielmehr als Ausgrenzung innerhalb einer solchen. In der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 wurde in Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte das Recht auf Bildung festgeschrieben. Auch in Artikel 28 der Kinderrechtskonvention, die in Deutschland am 5. April 1992 in Kraft getreten ist, wurde auf Bildung als Grundrecht fest verankert. Doch ist damit nicht gesichert, dass auch jeder Bildung erfährt. Es werden ufstiegsmöglichkeiten für alle versprochen, die gewillt sind. Doch wird nicht differenziert, ob jene, die scheitern, auch wirklich dafür verantwortlich sind, oder ganz einfach nicht die Kompetenzen vorweisen können, die verlangt werden, um in einem für homogene Lerngruppen ausgerichteten Bildungssystem bestehen zu können. An diesem Punkt setzt die institutionelle Inklusion an.

2.3 Fazit

Doch welche Gewichtigkeit nimmt der Zweitspracherwerb in einem solchen Prozess ein? Sowohl die Integration als auch die Inklusion zielen darauf ab, einen Menschen, der Bildung bisher gar nicht oder in einem anderen Umfeld erfahren hat, so zu unterstützen, dass er nach Abschluss der Schulbildung über die Kompetenzen verfügt, die für den nächsten Schritt ins Berufsleben verlangt werden. Doch ist es nicht nur eine berufliche Tätigkeit, die nach einer ausgeprägten Sprachfähigkeit verlangt. Um in einer Gemeinschaft integriert zu sein, soziale Strukturen zu erkennen und eine eigene Identität zu entwickeln, muss eine ausgeprägte Sprachkompetenz vorhanden sein. Sie gibt den Menschen Struktur und Stabilität. Und Sprache ist allgegenwärtig. Sie ist sowohl in schriftlicher als auch mündlicher Form das wichtigste Medium der Kommunikation. Und der Erwerbsprozess kann ein Leben lang andauern. Sind die Eltern vor allem in den ersten Jahren dafür verantwortlich, dass das Kind Sprache erwirbt, ist ab einem bestimmten Zeitpunkt der Einfluss einer pädagogischen Institution besonders relevant. Dafür muss sie die Frage geklärt haben, wie Sprachfähigkeit erworben und ausgebaut werden kann. In einer heterogenen Schülerschaft muss die Institution auf den Sprachstand jedes einzelnen reagieren können, um jegliche Form von Entwicklung zu unterstützen. Wenn eine Schule den Spracherwerb eines Schülers nicht umsetzen kann, ist der schulische Erfolg gefährdet. Sachzusammenhänge werden nichtverstanden, Formulierungen falsch gedeutet und Aufgabenstellungen missverstanden.

Jedoch ist die Schule nicht allein dafür verantwortlich, Integration zu fördern. Zwar kommen in keinem anderen Umfeld so viele Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen, doch können gerade Personen oder Vereine im privaten Umfeld viel zu deren Integration beitragen. Daher ist es wichtig, die Bedeutung der Sprache flächendeckend aufzuklären. Sprache hat also im Prozess der Integration eine herausragende Bedeutung, da sie mehrere Funktionen erfüllt: Verständigung und alltägliche Kommunikation als Symbol der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe und damit Austausch und soziale Kontakte. Für die meisten Menschen ist Sprache an den kognitiven Status und das Sprachniveau angepasst. Doch gibt es gerade in Deutschland ca. 16. Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die die deutsche Sprache noch nicht oder nur teilweise erworben haben (Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration der Bundesregierung, 2014: 10. Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland). Hinzu kommen jene mit kognitiven Einschränkungen. Für diese Gruppen muss Sprache vereinfacht werden, um eine völlige Teilhabe zu ermöglichen. Aus dieser Motivation heraus entstanden die Konzepte der Leichten und Einfachen Sprache.


3 Geschichte der Leichten Sprache

Das Konzept einer vereinfachten Sprache gab es schon immer. Fast jeder, der mit einem Kind kommuniziert, passt das Sprachniveau stets an die Erwerbsstufe an, in der das Kind sich gerade befindet. Das Benutzen eines solchen restringierten Sprachcodes ist essentiell, um das Kind in seine Umgebung einzubeziehen, da es einen elaborierten Code noch nicht entschlüsseln kann. Doch mit fortschreitendem Alter entwickelt sich auch die Sprachkompetenz des Kindes, so lange, bis Sprache zur Kommunikation nicht mehr vereinfacht werden muss. Es gibt jedoch in einer Gesellschaft viele Menschen, denen durch kognitive Grenzen eine Sprachentwicklung nicht gelingen kann. Hinzu kommen jene, die auf Grund von Verletzungen, fortgeschrittenem Alter oder einer anderen Erstsprache mit einer komplexen Sprache Probleme haben.

Die Idee, Leichte Sprache als Maßnahme zur Inklusion der oben genannten Zielgruppen gesellschaftlich zu etablieren, hat ihren Ursprung in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. In Schweden ist das Easy-to-Read Prinzip bereits 1968 vom Komitee der Swedish National Agency of Education aufgegriffen worden (Kellermann, Gudrun, 2014: Leichte und Einfache Sprache – Versuch einer Definition, S. 8). Seit 1984 erscheint wöchentlich die Zeitung „8 Sidor“, die vom Centrum för Lättläst in Einfacher Sprache herausgegeben wird (Centrum for lättläst, 2014: lattlast.se/start/english). Seit 1991 werden Kriminalromane, Geschichten und Fachbücher in Einfacher Sprache über denzentrumsinternen LL-Verlag publiziert (http://lattlast.se/start/english). Dieser bringt jährlich etwa dreißig neue Bücher heraus. Hinzu kommen seit 1992 ca. 3500 Lesebeauftragte, die Menschen, die auf vereinfachte Sprache angewiesen sind, im Alltag unterstützen (Kellermann, Gudrun, 2014: Leichte und Einfache Sprache – Versuch einer Definition, S. 8). In Finnland gibt es Leichte Sprache seit mehr als dreißig Jahren. Um Leichte Sprache ganzheitlich zu etablieren, wird in diesem Bereich intensiv geforscht. Es werden Regeln erarbeitet, um im Internet, in Filmen, in Infotexten oder in der mündlichen Kommunikation das Konzept der Leichten Sprache zu optimieren. Das erste Buch in vereinfachter Sprache erschien 1983. Seit zwanzig Jahren sendet das öffentlich-rechtliche Yleis-Radio täglich Nachrichten in Leichter Sprache. Hinzu kommen Zeitungen, Hefte und Gedichtbände in Selkokieli, wie die Leichte Sprache in Finnland genannt wird. Auch in Finnland fördert die Regierung Selkokieli. Das Ministerium für Bildung unterstützt mit 70.000 € jährlich das Selkokieli-Zentrum in Helsinki. Mit diesen Mitteln kann die Zeitung Selkouutiset finanziert werden. Bis zu 300 Selkokieli-Bücher werden jedes Jahr von dem Zentrum publiziert. Dazu gehören z. B. Gedichte, die Geschichte finnischer Rockmusik, aber auch „Heidi“ oder „Robinson Crusoe“. Die Sozialversicherungsanstalt Kela gibt Broschüren in Leichter Sprache heraus. Finnland plant zudem einen Einbürgerungstest für Migranten. Die Vorbereitung soll durch ein Übungsbuch begleitet werden, das auf Selkokieli erscheint (Roth, Jenni (2011): Sag es einfach, sag es klar! S. 62).

Auch in den Niederlanden gibt es seit zwanzig Jahren Zeitungen in Leichter Sprache. Hinzu kommen jährlich etwa zwanzig neue Bücher, die in vereinfachte Sprache umgeschrieben werden. Finanziert werden diese Publikationen von einer Stiftung (Lebenshilfe Bremen, 2013: Seite 47).

In Großbritannien gibt es Leichte Sprache ebenfalls seit ungefähr zwanzig Jahren. Diese wurde von Menschen mit Behinderungen gefordert und ist seit 1995 gesetzlich verankert. Auch in Großbritannien wird Leichte Sprache von der Regierung unterstützt (Lebenshilfe Bremen, 2013: Seite 50 f).

In Österreich spielt Leichte Sprache seit dreizehn Jahren eine Rolle bei der Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Es gibt bereits viele Vereine, wie wibs oder atempo, die sich für Leichte Sprache engagieren. Auch Österreich hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben und einen Aktionsplan erstellt, in dem die Konzepte und Ideen für eine bessere sprachliche Inklusion von Menschen mit Behinderungen festgelegt wurden. Im Bundesland Oberösterreich gibt es die vereinfachte Sprache bereits im Amtswesen (Lebenshilfe Bremen, 2013: Seite 48 f).

In Deutschland dauerte es bis in die Mitte der neunziger Jahre, bis erste Versuche zur Etablierung von Leichter Sprache gewagt wurden. 1994 wurde auf einer Tagung der Lebenshilfe deutlich, dass Leichte Sprache für die Gesellschaft unbedingt notwendig ist. Das erste Buch wurde 1995 publiziert. Die Autorin Susanne Göbel schrieb mit „Wir vertreten uns selbst!“ ein Buch für Selbsthilfegruppen von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Die Idee desEasy Read, die von der 1974 gegründeten US-amerikanischen Organisation People First im Jahre 1996 entwickelt wurde (Kellermann, Gudrun, 2014: Leichte und Einfache Sprache – Versuch einer Definition, S. 8), wurde 1997 von der Gruppe Wir vertreten uns selbst! aufgegriffen. Aus dieser Gruppe wurde später der Verein Mensch zuerst, der Teil des Netzwerks People First war, gegründet. Dieser Verein veröffentlichte in den Jahren 1999 und 2008 ein Wörterbuch für Leichte Sprache. Seit 2004 gibt es das Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Bremen. Es erarbeitet Übersetzungen, bietet Schulungen und Vorträge an und publiziert Bücher in Leichter Sprache. Das seit 2006 existierende Netzwerk Leichte Sprache untersucht in Kooperation mit Mensch zuerst, inwiefern Leichte Sprache optimiert und weiter verbreitet werden kann. Seit 2006 ist die Anzahl der Gruppen, die in diesem Netzwerk zusammenarbeiten, von 3 auf aktuell 27 gestiegen. Neben deutschen Gruppen engagieren sich auch österreichische Verbände in diesem Netzwerk. Dieses ist seit August 2013 als eigenständiger Verein eingetragen. Bei einer Unterschriftenaktion konnten mehr als 13.000 Stimmen gesammelt werden, um die Forderung nach Leichter Sprache im Bundestag prüfen zu lassen (Dworski, Anja, 2013: Presseinformation, S. 2 f).

Durch das Engagement solcher Gruppen ist Leichte Sprache bereits in einigen Gesetzen und Verordnungen verankert. In der Neufassung der Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz von 2002, die am 22. September 2011 in Kraft getreten ist, müssen sämtliche Informationen der öffentlich zugänglichen Webauftritte des Bundes in Deutscher Gebärdensprache und Leichter Sprache angeboten werden (Dworski, Anja, 2013: Presseinformation, S. 3). Auch in der Behindertenrechtskonvention der UN spielt Leichte Sprache für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft eine Rolle. Sie schließt den Bereich Kommunikation ein und fordert eine in Einfache Sprache übersetzte Form der Kommunikation. Die Umsetzung in Deutschland wurde in einem Aktionsplan verankert, in dem festgelegt wurde, wie die Regierung die Rechte für Menschen mit Behinderungen umsetzen wird. 2012 wurden sowohl im Bundestag als auch im Bundesland Bremen Anträge in Leichter Sprache gestellt, in denen dieses Sprachkonzept gefordert wurde.

Da viele der oben genannten Länder seit langer Zeit mit Leichter Sprache arbeiten, wurde zwischen 2007 und 2009 ein umfassendes Regelwerk zu Leichter Sprache verfasst, das in dem internationalen Projekt Pathways, internationale Standards setzen soll, wie Leichte Sprache europaweit umgesetzt werden kann. Neben Deutschland nahmen auch Finnland, Frankreich, Irland, Litauen, Österreich, Portugal und Schottland teil. In diesem Zusammenhang entstand auch das Signet für Texte in Leichter Sprache (Kellermann, Gudrun, 2014: Leichte und Einfache Sprache – Versuch einer Definition, S. 8)


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